Von der Leidenschaft für Tiere und dem, was Leiden schafft für Tiere

Hallo Ihr Lieben,

in letzter Zeit dringt das Thema „vegetarische bzw. vegane Lebensweise“ immer häufiger aus unserem sozialen Umfeld zu uns. Zudem hat sich die Zahl der vegetarisch bzw. vegan lebenden Zeitgenossen unter unseren Freunden und Bekannten in den letzten Jahren gefühlt deutlich vergrößert.

Wow, Daniel, wie packend. Als nächstes erzählst Du uns, dass manche Deiner Freunde sich vor dem Frühstück, andere jedoch erst danach die Zähne putzen – und die Krönung: es gibt sogar welche, die tun es sowohl vor als auch nach dem Frühstück. Wahnsinn. Endlich ein Blog-Beitrag, der uns vor Spannung die Schweißperlen auf die Stirn treibt.

Ja, ich weiß. Vegan, vegetarisch, flexetarisch, pescetarisch – soll doch jeder hinsichtlich seiner Ernährungsgewohnheiten das tun, was er aus welchen Gründen auch immer für richtig und angemessen hält. Darüber gibt es wahrlich keine großen Worte zu verlieren und schon gar keinen Blog-Beitrag zu verfassen.

Oder vielleicht doch?

Zwar ist es nämlich durchaus so, dass die überwältigende Mehrheit unserer vegetarisch bzw. vegan lebenden Freunde und Bekannten es genau nach diesem Grundsatz handhabt – also ihre Ernährungsphilosophie in der Tat zu einer Sache der privaten Lebensführung macht und bestenfalls auf ausdrückliche Nachfrage darlegt, welche Erwägungen sie zu dieser Lebensführung gebracht haben. In einzelnen Fällen kommt es aber eben auch vor, dass man sich offenbar gedrängt fühlt, seine Mitmenschen im Rahmen eines unbändigen Sendungsbewusstseins zur eigenen Ernährungsphilosophie zu bekehren.

Klar, auch das ist ja irgendwo nachvollziehbar. Man hat vor nicht allzu langer Zeit eine Überzeugung gewonnen, die das eigene Weltbild und die daraus folgende Lebensführung fundamental verändert hat, und nun fühlt man sich berufen, den Rest der Welt so gut es geht für diese Lebensführung zu gewinnen. Im konkreten Fall, um den es mir hier geht, spricht der Erfolg dieser missionarischen Initiative in gewisser Weise denn auch für sich: nicht nur der Umstand, dass ich mich aufgrund dessen letztlich zur Abfassung dieses Blog-Beitrags inspiriert fühle. Es vergeht zudem kaum noch eine Mahlzeit im Familienkreise, bei der nicht früher oder später auf diese unüberhörbare Initiative Bezug genommen wird.

Ist das Etappenziel dieser Initiative damit also erreicht?

Eindringlich vs. aufdringlich

Sicher – dass die Frage nach dem Konsum tierischer Produkte in unser aller Bewusstsein gerückt wird, ist zweifellos ein gewollter Effekt der betreffenden Bekehrungsinitiative. Gleichwohl nehme ich in unserem sozialen Umfeld aber auch unverkennbar eine gewisse Kritik an der Form wahr, in der die wohl am ehesten als „veganistisch“ zu bezeichnende Überzeugungsarbeit bisweilen geleistet wird. Ich meine: wer will denn auch klaglos über sich ergehen lassen, wie sich andere lautstark in die eigene Lebensweise einmischen?

Und nicht nur das: in jüngster Zeit waren denn auch Fälle veganistischen Aktivismusses zu beobachten, in denen der Konsum tierischer Produkte regelrecht kriminalisiert wurde. So wurden die Konsumenten tierischen Fleischs in einem unlängst zu lesenden Facebook-Post auf der Seite eines der leidenschaftlichen Veganismus-Vorkämpfer unverblümt auf eine Stufe mit Sklaventreibern, Henkern oder gar Nazischärgen (!) gestellt.

Echt Leute, das ist schon ganz schön starker Tobak, zumal sich der konkrete Appell, auf den ich mich hier beziehe, an Kinder und Jugendliche gerichtet hat, die auch noch ausdrücklich dazu aufgerufen wurden, ihren eigenen Eltern keinen Glauben zu schenken, wenn sie anderslautende Positionen vertreten! Sorry, aber sowas ist keine einfache Überzeugungsarbeit mehr. Das ist schon eher Propaganda wenn nicht gar Verhetzung. Aber davon mal abgesehen: die Gleichsetzung von Fleischkonsum mit den großen Menschheitsverbrechen der Weltgeschichte verbietet sich schon alleine vor dem Hintergrund der damit einhergehenden Verharmlosung solch singulärer Extreme der totalen Menschenverachtung. Da wirkt es schon fast wie eine harmlose Posse, dass eine offenbar veganistisch beseelte Lehrkraft in der Schule meiner Kinder während des gemeinsamen Mittagessens in der Mensa zu einer Schweigeminute für die toten Tiere aufgerufen haben soll, deren Fleisch den Schülern gerade zur Hauptspeise serviert wurde.

Nicht falsch verstehen: ich zolle einer Überzeugungsarbeit, die sich dem Schutz anderer Lebewesen vor unterstellter Misshandlung verschrieben hat, grundsätzlich hohen Respekt. Aber ich zolle eben auch der Meinung Andersdenkender – vor allem aber der elterlichen Erziehungsverantwortung für ihre eigenen Kinder ebenso hohen Respekt. Und genau hier scheint mir das Problem dieser Vorgehensweise zu liegen: es gibt eben einen Unterschied zwischen gerechter – gerne auch leidenschaftlich vorgetragener – Überzeugungsarbeit und der achtlosen Intrusion in den Lebensbereich seiner Mitmenschen. Eindringlichkeit ist eben etwas anderes als Aufdringlichkeit.

Wer also den Schutz von Tieren vor Augen hat, sollte den Respekt vor seinen Mitmenschen deswegen nicht gleich außer Acht lassen. Außerdem unterminiert ein solch intrusives Vorgehen ja auch noch das eigene Ziel: fühlt man sich nämlich von diesem aggressiven Vorgehen erst einmal bedrängt, schaltet man ohnehin reflexartig auf Widerstand und Trotz. Für Verständnis werben geht jedenfalls anders.

Die eben beschriebene, höchst zweifelhafte Methodik, mit der hier die veganistische Mission bisweilen betrieben wird, sollte aber nicht als Rechtfertigung dafür herhalten, sich um die eigentliche Frage nach der ethischen Vertretbarkeit des Konsums tierischer Produkte herumzudrücken. Denn auch wenn die – wie ich finde – ungeschickte Herangehensweise der betreffenden Veganisten uns widersinniger Weise vom eigentlichen Thema ablenkt – am Ende des Tages muss jeder von uns diese Frage ergebnisoffen für sich beantworten:

Ist es mit unserer Ethik vereinbar, tierische Produkte zu nutzen?

Wir und das Tier

Um diese Frage zu ergründen, ist es, denke ich, zunächst einmal erforderlich zu verstehen, nach welcher Ethik wir üblicherweise beurteilen, ob wir anderen Individuen mit bestimmten Handlungsweisen Unrecht tun oder nicht. Plakativ gesagt: niemand hat ein ethisches Problem damit, einen Betonblock zu zersägen, aber so ziemlich jeder hätte ein Problem damit, einen lebendigen Menschen zu zersägen – zumal bei vollem Bewusstsein.

Das Handlungsaxiom, das hier zur Anwendung gelangt, hat schon Rabbi Hillel gemäß talmudischer Erzählung (Schabbat, 31a) als Antwort auf die Frage eines interessierten Nichtjuden formuliert, der die gesamte Torah erklärt haben wollte, solange er auf einem Bein stehen kann:

„Was du nicht willst, dass man dir tu‘ – das füg‘ auch keinem Anderen zu.“

Wir gehen also davon aus, dass andere Individuen im Wesentlichen dasselbe Empfinden von Leid und Schmerz haben, wie wir selbst. Und weil wir selbst nicht gerne Leid und Schmerz empfinden, haben wir demnach alles zu unterlassen, was anderen Leid oder Schmerz bereitet. Wenn wir also einen Mitmenschen zersägen, gehen wir davon aus, dass das extrem schmerzhaft und insofern leidvoll für ihn ist, weil wir wissen, dass es das für uns selbst wäre. Außerdem verstümmeln wir ihn dabei und bringen ihn insofern um ein gehöriges Maß an Lebensqualität, wenn wir ihn nicht sogar damit umbringen und somit eine unfreiwillige Verkürzung seiner Lebenszeit hervorrufen. Daher finden wir es verwerflich, andere Menschen zu zersägen. Einem Betonblock unterstellen wir indessen, dass er keinerlei Empfindungen hat, so dass es insoweit keinen Grund gibt, ihn nicht zu zersägen.

Also gut: unsere Mitmenschen empfinden Leid und Schmerz im Wesentlichen genauso,  wie wir es selbst täten, und Betonklötze tun es nicht. Wie aber steht es um Tiere?

Schon als Kinder haben wir dazu den Spruch gelernt:

„Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz“

Wir nehmen damit intuitiv an, dass zumindest die Tiere, die üblicherweise betroffen sind, wenn wir vom Konsum tierischer Produkte reden – also Säugetiere, Vögel und Fische – Schmerz in einer Weise empfinden, die mit ähnlich leidvollen Primärerfahrungen einhergeht wie bei uns Menschen. Darauf deuten auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte zunehmend hin, so dass wir zur Sicherheit besser mal davon ausgehen, dass unsere üblichen „Konsumtiere“ wirklich Schmerzen in einer Form empfinden, die mit dem menschlichen Schmerzerlebnis vergleichbar ist. Unser oben dargelegtes Handlungsaxiom, durch das wir aufgefordert sind, anderen zu ersparen, was wir selbst als unangenehm empfinden, muss daher – was physischen Schmerz anbelangt ­– auch für „Konsumtiere“ gelten: wir müssen alles daran setzen, dass wir Tieren keine Schmerzen zufügen.

Dennoch ist es außerordentlich wichtig, in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass man das eigentliche Schmerzerlebnis eines Tieres nicht objektiv messen kann. Zwar können wir nämlich durchaus die Ausschüttung von Botenstoffen und die Aktivität von Neuronen bei Menschen und Tieren gleichermaßen messen und aus der Ähnlichkeit dieser physiologischen Schmerzreaktionen auf mutmaßlich vergleichbares Schmerzempfinden bei Tier und Mensch schließen. Aber ob und inwieweit die damit einhergehende Sinneserfahrung wirklich als leidvoll erlebt wird, kann uns nur das jeweils betroffene Individuum schildern – wenn es dazu in der Lage ist. Bei Tieren ist das in aller Regel jedoch gerade nicht der Fall.

Das klingt jetzt so, als müsse man vermuten, dass Tiere uns ihr Leid nur deshalb nicht schildern können, weil sie es nicht schlüssig ausdrücken können. Das ist aber nicht das, was ich damit meine. Ich frage mich vielmehr, ob es Tieren nicht grundsätzlich an den kognitiven Fähigkeiten mangelt, die nötig wären, um Sprache, wie wir sie kennen, überhaupt bilden und verstehen zu können. Und wenn dem so ist, müssen wir dann nicht auch annehmen, dass es Tieren daher an den notwendigen kognitiven Fähigkeiten zur Bildung gedanklicher Konzepte fehlt? Denn letztlich ist Denken Sprache und Sprache ist Denken. Wer also über keine kognitiven Sprachfähigkeiten verfügt, der dürfte auch nicht in der Form denken können, die wir Menschen für uns in Anspruch nehmen. Das heißt aber auch, dass der Gemütszustand unserer üblichen Nutztiere nicht von Erwartungen bestimmt werden kann, die sich aus abstrakten gedanklichen Konstruktionen wie „Glück“, „Erfüllung“, „Lebensqualität“ oder „Selbstfindung“ speisen. Demzufolge wären Tiere auch nicht in der Lage, darunter zu leiden, wenn ihnen kein „Glück“, keine „Erfüllung“, keine „Lebensqualität“ oder keine „Selbstfindung“ zuteil wird, weil sie diese Konzepte gar nicht erst erfassen können.

Weiden und Leiden

Worauf ich damit hinaus will?

Kehren wir nochmals zu obigem Gedankenspiel mit dem Zersägen anderer Menschen zurück. Neben dem eigentlichen unmittelbaren Schmerz haben wir dabei mindestens noch einen weiteren Aspekt thematisiert, der für die Klärung der Frage maßgebend sein muss, ob und inwieweit unser Handeln anderen Individuen Leid zufügt: die Einschränkung deren Lebensqualität – auch ohne unmittelbares physisches Schmerzerlebnis.

Gehen wir jetzt also mal gedanklich davon aus, dass wir unseren Tieren keine unmittelbaren physischen Schmerzen zufügen – welche andere Formen von Leid können Tiere darüber hinaus wohl empfinden?

Im modernen Strafvollzug werden Vergehen üblicherweise durch Geld- oder ansonsten durch Freiheitsstrafen geahndet. Das deutet darauf hin, dass wir Menschen insbesondere darunter leiden, wenn man uns materiellen Besitz oder aber das immaterielle Gut der Freiheit entzieht. Ist das für Tiere genauso?

Hier kommt meine obige Einlassung zum Thema „abstrakte Begriffsbildung“ ins Spiel. Da Tiere augenscheinlich nicht über die Fähigkeit zur Bildung sprachlicher Begriffe verfügen, muss bezweifelt werden, dass sie die Fähigkeit besitzen, abstrakte Konzepte wie „Eigentum“ und „Besitz“ zu erfassen. Klar, auch Tiere konkurrieren um Nahrungsquellen und streiten sich bisweilen um Territorien oder Beute. Aber das Konzept eines abstrakten materiellen Besitzanspruchs scheint mir doch etwas zu sein, was die Fähigkeit zur sprachlichen und damit gedanklichen Begriffsbildung voraussetzt, wozu unsere üblichen Nutztiere jedenfalls nicht in der Lage zu sein scheinen. Daher wäre ich nicht geneigt, beispielsweise einer Kuh zu unterstellen, sie würde darunter leiden, dass man ihr ihre Kuhglocke klaut.

Mit dem Freiheitsentzug mag das anders sein. Allerdings ist hier meines Erachtens zwischen der unmittelbaren Form von Freiheitsentzug – also der offensichtlichen physischen Einschränkung der natürlichen Bewegungsfreiheit – und der mittelbaren Form – also der Einschränkung der individuellen Entfaltungsfreiheit – zu unterscheiden. Wenn man uns Menschen in einen engen Raum einsperrt, empfinden wir die damit verbundene Einschränkung unserer physischen Bewegungsfreiheit als überwiegend leidvollen Entzug. Ob das in derselben Form für Tiere der Fall ist, hängt – denke ich – vor allem davon ab, ob der Mangel an Bewegungsfreiheit zu physischen Veränderungen führt, die das Tier entsprechend auf physischer Ebene wahrnehmen kann.

Klar: wenn man ein Huhn in so eine klassische Legebatteriebox quetscht oder ein junges Kalb in enge Einzelboxen ohne jede Bewegungsfreiheit, dann muss man wohl davon ausgehen, dass die Unfähigkeit, den natürlichen Bewegungsdrang auszuleben, zu manifesten körperlichen Veränderungen führt, die von den Tieren als solche wahrgenommen werden – und zwar auf unangenehme und insofern leidvolle Weise.

Die Annahme, dass Tiere eine Art übergeordneten Freiheitsdrang hätten, dessen mangelndes Ausleben zu Leid auf entsprechend übergeordneter mentaler Ebene führt, ist hingegen schwerer zu verifizieren. Wir Menschen leiden unter Freiheitsentzug im weiteren Sinne vor allem deshalb, weil wir eine Vorstellung davon haben, was wir dabei in der Welt draußen verpassen. Wir haben Erwartungen an unser Leben und eine Vorstellung von angemessener Lebensqualität.

Daran, dass man Hühnern oder Schafen derlei Erwartungshaltungen an ihr Leben unterstellen kann, habe ich indessen erhebliche Zweifel. Das passt meines Erachtens nicht zu deren Verhaltensweisen und es spricht – wie oben bereits mehrfach dargelegt – wohl kaum etwas dafür, dass sie überhaupt über die kognitiven Fähigkeiten verfügen, die nötig sind, um derart abstrakte Begriffe zu kennen. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Schaf, welches Zeit seines Lebens in Ställen oder auf eingezäunten Weiden verbringt, dabei im Stillen von einem Leben in grenzenloser Freiheit auf immergrünen Feldern träumt.

Ein Indiz, dass dem tatsächlich so ist, findet sich möglicherweise im Verhalten menschlicher Kleinkinder. Auch sie haben anfangs nur sehr rudimentäre Grundbedürfnisse – essen, trinken, schlafen und Zuwendung. Erst mit dem Heranreifen ihrer kognitiven Fähigkeiten beginnen unsere Kinder, weitergehende Ansprüche ans Leben zu stellen. Diese Ansprüche scheinen somit aus zunehmender Erfahrung und der immer differenzierten Wahrnehmung der eigenen Umwelt erworben worden zu sein. Es spricht wenig dafür, dass bei Tieren ein vergleichbarer Prozess abläuft, denn Tiere sind im Gegensatz zu Menschen bereits kurz nach der Geburt quasi auf demselben kognitiven Niveau wie in ausgewachsenem Zustand.

Fazit: das Konzept des Entzugs eines übergeordneten Lebensglücks, der sich nicht in unmittelbar spürbaren physischen Reaktionen niederschlägt, dürfte etwas sein, das nicht zur potenziellen Erfahrungswelt unserer üblichen Nutztiere gehört. Will sagen: artgerecht gehaltene Tiere sind aus diesen Überlegungen heraus vermutlich nicht „unglücklicher“ als wildlebende Tiere.

Allerdings gehört zur artgerechten Haltung in diesem Sinne auch dazu, dass Tiere ihre unmittelbaren sozialen Bedürfnisse ausleben können. Man muss vermutlich davon ausgehen, dass gerade bei Säugetieren die anfängliche Fürsorge des Muttertiers für seine Nachkommen auch eine Art emotionale Komponente hat, so dass es ggf. auch für Tiere zu leidvollen Empfindungen kommt, wenn man Muttertiere allzu früh von ihren Jungen trennt. Ähnliches gilt für die „soziale Wärme“ gerade bei Herdentieren: es ist durchaus vorstellbar, dass gerade Herdentiere auch ohne erfahrungsgeprägte Erwartungshaltungen unter Vereinsamung leiden, wenn man sie von ihren Artgenossen isoliert.

Bei alledem muss man meines Erachtens jedoch aufpassen, dass man die vermeintlichen emotionalen Reaktionen der Tiere nicht allzu leichtfertig vermenschlicht. So entwickeln unsere Kleinkinder oft eine geradezu rührende Fürsorge für ihre leblosen Plüschtiere, weil sie ihnen menschengleiche Regungen unterstellen. Wir als Erwachsene sollten hingegen nicht unhinterfragt dasselbe mit lebenden Tieren machen. Wir können schlicht nicht wissen, was Tiere denken und fühlen, weil sie es uns nicht mitteilen können. Die für uns messbaren Neurotransmitter, Hormone und Nervenimpulse alleine sagen wenig bis nichts darüber aus, ob und inwieweit ein Tier sich selbst und sein Leben wirklich bewusst wahrnimmt und ob bzw. inwieweit es in ähnlicher Weise unter dem Entzug eines abstrakten Begriffs von Lebensglück leidet, wie wir Menschen.

Es dürfte kein Zufall sein, dass unsere bildlichen Darstellungen des „Bösen“ oft  klassische Merkmale von Raubtieren enthalten: gefletschte Reißzähne, ausgefahrene Krallen, glühende Schlitzaugen. Wir unterstellen also Raubtieren allzu leichtfertig eine „bösartige“ Natur, nur weil sie andere Tiere jagen und töten. Stülpen wir ihnen aber damit nicht in unzulässiger Weise menschliche Wertungskategorien über? Ähnliches gilt etwa für winselnde Hunde, die zugegebenermaßen mitleiderregend aussehen. Aber ist der winselnde Hund wirklich in der gleichen Weise traurig wie wir Menschen traurig sind, nur weil sein Winseln und seine Mimik bei uns entsprechende Assoziationen wecken? Woher wollen wir das wissen? Wie wollen wir das objektiv beurteilen?

Schlachten oder Achten?

Was schließen wir aus alledem?

Ganz einfach: es spricht aus all diesen Erwägungen heraus vieles dafür, dass eine artgerechte Tierhaltung, bei der die Tiere selbstverständlich keinem physischen Schmerz ausgesetzt sind und bei der auch ihre verhaltensbedingten Grundbedürfnisse berücksichtigt werden, ethisch vertretbar ist. Denn es gibt gute Gründe anzunehmen, dass den Tieren auf diese Weise kein subjektiv empfundenes Leid zugefügt wird. Genau diese Ethik würde wohl auch jeder Vegetarier vorbehaltslos mit mir teilen, denn er hat ja auch kein Problem damit, Eier und Milchprodukte von artgerecht gehaltenen Tieren zu konsumieren.

Reden wir aber nicht länger um den heißen Brei herum: wenn wir unser Steak auf dem Teller haben wollen, muss das Rindviech dran glauben. Punkt. Da gibt es nichts zu beschönigen. Um das Fleisch von Tieren zu essen oder ihre Haut als Leder zu verarbeiten, müssen wir Tiere schlichtweg töten (es sei denn, wir warteten immer erst, bis sie eines natürlichen Todes sterben und betätigten uns dann als Aasfresser. Aber so läuft es nun einmal in der Praxis nicht).

Es erhebt sich also die Frage, ob auch das Töten von Tieren im Sinne unserer hier entwickelten ethischen Grundsätze vertretbar ist. Diese Frage hängt wiederum entscheidend davon ab, ob das Schlachten von Tieren eine unzulässige Form der Zufügung von Leid darstellt oder nicht.

Lasst uns also zu Vergleichszwecken zunächst einmal die Gründe rekapitulieren, aus denen wir es gemeinhin (vollkommen zurecht) für unethisch halten, unsere Mitmenschen zu schlachten. Dazu würde mir vor allem folgendes einfallen:

  1. Das Töten eines anderen Menschen verursacht primäres Leid in Form von extremem Schmerz, wie er durch die für das Töten unerlässliche Körperverletzung verursacht wird. Zudem geht der erlebte Tötungsprozess ggf. auch mit extremem Leid in Form von Todesangst einher.
  2. Mit dem Töten eines Menschen raubt man ihm potenzielle Lebenszeit, in der er insbesondere Glück und Erfüllung hätte erfahren können.
  3. Der Tod eines Menschen ruft in seiner sozialen Umgebung Trauer und seelischen Schmerz über seinen Verlust hervor.
  4. Mit dem Töten eines anderen Menschen entzieht man ihm die freie Selbstbestimmung über sein Leben.

Es gibt sicher noch unzählige andere gute Gründe, aus denen wir es als höchst unethisch empfinden, andere Menschen zu töten. Jedenfalls gilt natürlich auch hier der Grundsatz, dass wir unseren Mitmenschen das zu ersparen haben, was wir an der Vorstellung, getötet zu werden, als leidvoll empfinden.

Wie ist das jetzt aber mit den Tieren?

Gehen wir dazu mal die obigen vier Punkte durch:

  1. Schmerz und Todesangst:

Passionierte Jäger hätten hier wohl eine klare Meinung: ein gezielter Kopfschuss im Morgengrauen und schon liegt das Reh von einem Moment auf den nächsten tot im Gestrüpp – und zwar noch bevor es den Schuss hören kann, mit dem es getötet wurde. Für Todesangst war definitiv keine Zeit, denn hätte es den Jäger auch nur gewittert, wäre es schneller weg gewesen, als er hätte abdrücken können. Und für das Empfinden von Schmerzen dürfte es in dem Sekundenbruchteil, in dem das Tier sein Bewusstsein durch den Einschlag des Projektils verloren hat, nicht gereicht haben.

Das klingt jetzt alles furchtbar makaber und pietätslos. Rein „technisch“ betrachtet ist es damit aber denkbar, dass man Tiere ohne Schmerzerlebnis und ohne Todesangst töten kann. Das ist bei den Tötungsmethoden in der industriellen Tierhaltung vermutlich weniger der Fall. Aber wenn es doch so wäre, könnte man Punkt 1 von der Liste der grundsätzlichen Vorbehalte gegen das Töten von Tieren streichen.

  1. Raub von potenziell glückserfüllter Lebenszeit:

Hier würde ich auf meine obigen Einlassungen Bezug nehmen und daher zumindest nachdrücklich in Frage stellen wollen, dass Tiere ein Konzept von Lebensglück und Erfüllung kennen, welches dem menschlichen auch nur nahe kommt. Hauptargument hierfür ist wiederum das Fehlen der kognitiven Fähigkeiten, die notwendig sind, um sprechen zu können. Das Denken in abstrakten Begriffen, zu denen eine Vorstellung vom Verlauf des eigenen Lebens zweifellos gehört, ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht möglich, wenn man nicht über ein Sprachzentrum verfügt. Unsere menschlichen Kleinkinder machen das eindrucksvoll vor (obwohl sie sogar über ein Sprachzentrum verfügen): es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass wir einen Begriff vom Verlauf unseres Lebens haben, bevor wir sprechen können. Vermutlich aus diesem Grund haben wir auch keinerlei begriffliche Erinnerungen an unsere Frühkindheit.

  1. Trauer und Verlustschmerz im sozialen Umfeld:

Ob Heringe oder Hühner ihre Angehörigen vermissen, wenn sie eines Tages einfach nicht mehr da sind, vermag ich nicht qualifiziert zu beurteilen. Man kann sicher bestimmte Verhaltensweisen beobachten, die darauf hindeuten, dass die Tiere auf die dauerhafte Abwesenheit konkreter Artgenossen reagieren. Aber ob und inwieweit sie das als leidvoll empfinden, darf zumindest in Frage gestellt werden.

Bei Säugetieren könnte das anders sein, denn es gibt allemal eine starke Bindung zwischen Muttertieren und ihren Nachkommen. Trotzdem müssen wir auch hier aufpassen, dass wir ihnen nicht unhinterfragt unsere eigenen menschlichen Erfahrungen überstülpen. Kann gut sein, dass eine Kuh echtes, bewusstes Unglück empfindet, wenn man ihr das gerade geborene Kalb für immer wegnimmt. Kann aber auch sein, dass es nicht so ist. Die Kuh kann nicht darüber sprechen, also können wir es nicht beurteilen. Und ich bleibe dabei: wer kein Sprachzentrum im Gehirn hat, dürfte kaum in der Lage sein, abstrakte Begriffe wie „Familie“, „Generationen“ oder „Gesellschaft“ zu kennen.

Tatsache ist jedenfalls, dass man menschliche Säuglinge durchaus ihren Eltern wegnehmen und sie etwa in die Obhut von Adoptiveltern geben kann, ohne dass die Säuglinge erkennbar so darunter leiden würden wie ihre erwachsenen Eltern. Auch hier gilt also: ohne Sprache keine abstrakten Begriffe und ohne abstrakte Begriffe kein Leid aus Entzug derselben.

  1. Eingriff in die Selbstbestimmung:

Haben Tiere ein Recht auf Selbstbestimmung, das demjenigen gleichkommt, wie es in liberalistischen Gesellschaften für Menschen gefordert wird? Zumindest wenn man die Tiere in freier Wildbahn beobachtet, kann man das getrost verneinen. Der Gepard reißt die Antilope, weil er Hunger hat. Ihr etwaiges Recht auf freie Selbstbestimmung geht ihm dabei ganz offensichtlich am Allerwertesten vorbei.

Entbindet das uns Menschen jedoch davon, den Tieren ein Recht auf Selbstbestimmung zuzugestehen? Nun, Selbstbestimmung erfordert Mündigkeit und diese wiederum die Fähigkeit, abstrakte Begriffe wie „Gemeinschaft“, „Recht“ und „Moral“ zu erkennen und nach ihnen zu handeln. Dazu sind Tiere aufgrund ihrer kognitiven Einschränkungen schlichtweg nicht in der Lage. Sie könnten also gar nicht gleichwertiger Teil einer mündigen Gesellschaft werden, und gerade Herdentiere sind zudem schon von ihrer natürlichen Verhaltensprägung her ausgesprochene „Mitläufer“. Auch hier könnte der Vergleich mit unseren menschlichen Kleinkindern helfen: ihr Recht auf Selbstbestimmung wird ihrem gesetzlichen Vormund übertragen, solange sie nicht einen bestimmten Grad an mentaler Reife erlangt haben. Das heißt im Klartext, dass man sogar Kleinkindern von Menschen zunächst kein Recht auf Selbstbestimmung über ihr Leben zugesteht, weil sie die dafür nötigen abstrakten Begriffe nicht verstehen.

Bitte nicht falsch verstehen: natürlich berechtigt uns das nicht dazu, unsere unmündigen Kinder zu töten. Wohl aber machen wir das Recht auf Selbstbestimmung von der Mündigkeit des betreffenden Individuums abhängig, und die können wir unseren Tieren nicht in derselben Form attestieren, wie uns Menschen.

Fazit

Was heißt das jetzt für die Vorbehalte gegen das Töten von Tieren?

Ich würde sagen, man kann es so oder auch so sehen – und damit jedenfalls nicht eindeutig nur so, wie es die Veganisten sehen. Die Abfassung dieses Blog-Beitrags hat mir allemal dabei geholfen, die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit der Nutzung  von Tieren differenziert zu sehen. Ich gestehe den Veganisten vorbehaltlos zu, dass es gute Gründe gibt, unter durchaus gerechtfertigten Annahmen das Töten von Tieren als unethisch einzustufen und insoweit abzulehnen. Ebenso plausibel scheint es mir aber auch zu sein, unter veränderten – jedoch nicht weniger gerechtfertigten – Annahmen die ethischen Vorbehalte gegen das Töten von Tieren zu entkräften.

Die Frage ist also eher, ob man hier lieber den vorsichtigen Ansatz fährt und insofern davon ausgeht, dass Tiere eine menschenähnliche Wahrnehmung ihrer Welt haben oder aber, ob man schon aufgrund des nicht vorhandenen Sprachzentrums bei Tieren von einer viel schlichteren Wahrnehmung ihrer Welt ausgehen muss, in der die Vorbehalte gegen das Töten von Tieren folgerichtig eher auf einer Stufe mit den Vorbehalten gegen das Töten von Pflanzen zu verorten wären. Denn eines ist mal klar: kein noch so fanatischer Veganist hat auch nur das geringste Problem damit, Pflanzen zu töten. Und zwar, weil wir davon ausgehen, dass weder ihnen noch ihren Angehörigen Leid oder Unrecht widerfährt, wenn wir sie töten.

Nebenbei bemerkt: der moderne landwirtschaftliche Pflanzenanbau kostet so oder so tagtäglich ungezählten Tieren das Leben – allen voran sogenannten „Schädlingen“, die wir massenweise zum Tode durch Vergiften verurteilen, um unsere pflanzliche Nahrung vor ihrem natürlichen Hunger zu schützen. Hinzu kommt, dass die aggressive Erschließung neuer Anbauflächen für unseren industriellen Pflanzenanbau ganzen Tierarten ihre Lebensgrundlage raubt und oft genug deren Aussterben zur Folge hat. Die Illusion, man könne sich ernähren, ohne dass Tiere dabei draufgehen, ist also nach meinem Empfinden ohnehin nur Wunschdenken. So betrachtet könnte man sogar argumentieren, dass die Konsumenten tierischen Fleisches in gewisser Weise ehrlicher sind als Vegetarier und Veganer, weil sie wenigstens offen dazu stehen, dass Tiere für ihre Ernährung dran glauben müssen. Aber ja, ich weiß schon: das ist ein ganz klein Wenig polemisch überspitzt…

Unterm Strich bleibt zu sagen, dass nach meiner Überzeugung hier keine Seite den Anspruch erheben kann, die Wahrheit für sich alleine gepachtet zu haben. Die Frage, ob Tieren dieselbe Ethik wie für Menschen oder doch eher dieselbe Ethik wie für Pflanzen zuteil werden sollte, hängt (abgesehen von der Vermeidung primären physischen Schmerzes) überwiegend davon ab, ob man Tieren ein ähnliches kognitives Begriffsbildungsvermögen unterstellt, wie wir Menschen es besitzen, oder eben nicht.

Ich persönlich trage Lederschuhe und esse Fleisch von Tieren. Im Augenblick kann ich mir dabei vorbehaltlos in den Spiegel sehen, obwohl ich zugeben muss, dass ich erst aufgrund des veganistischen Aktivismus in unserem sozialen Umfeld so wirklich angefangen habe, ernsthaft über die Forderung nach artgerechter Tierhaltung nachzudenken. Sollte ich mir eines Tages hingegen nicht mehr vorbehaltlos dabei in den Spiegel sehen können, werde ich mich natürlich gleich wieder ans Bloggen machen und Euch ausführlich die Erkenntnisse darlegen, die mich zu dieser neuen Haltungsänderung bewogen haben werden. Stay tuned…

Alles Liebe

Daniel