Es wer­de Klang II: ihr naht euch wie­der, schwan­ken­de Töne

Hal­lo Ihr Lieben,

hier bin ich wie­der mit der Fort­set­zung der klei­nen Bei­trags­se­rie über mei­ne Selbst­er­fah­rung bei der Schaf­fung von Musik. Im letz­ten Bei­trag hat­te ich ja von mei­nem 1988 ent­fach­ten Ver­liebt­heits­rausch berich­tet, der mich 1989 dazu trieb, der bezau­bern­den jun­gen Dame mei­nes Her­zens ein Kla­vier­stück zu kom­po­nie­ren. Ich habe dabei in aller epi­schen Brei­te ver­sucht, Euch zu illus­trie­ren, wie ich an die­ses Vor­ha­ben her­an­ge­gan­gen bin, was dabei her­aus­ge­kom­men ist — und vor allem, was ich dabei erlebt habe. 

Auch heu­te noch bleibt es für mich fas­zi­nie­rend, wie mei­ne Musik als Kom­bi­na­ti­on aus sys­te­ma­ti­schem Design, lang­jäh­rig auf­ge­bau­ter musi­ka­li­scher Intui­ti­on und vor allem asso­zia­ti­vem Den­ken ent­stan­den ist. Oft genüg­te es, die bereits geschaf­fe­nen Frag­men­te ein paar Mal anzu­spie­len — und schon kam mir irgend­ein Motiv aus einem mir bekann­ten Musik­stück in den Sinn, das sich als Basis zur Fort­set­zung die­ses Frag­ments eig­ne­te. Wirk­lich erstaun­lich, wie ich fin­de. Und ich blei­be zudem bei mei­ner Bemer­kung aus dem ers­ten Teil, dass sich dar­in sicher auch eini­ge sehr cha­rak­te­ris­ti­sche Spe­zi­fi­ka mei­ner Per­sön­lich­keits­struk­tur wider­spie­geln. Schöp­fe­ri­sche Tätig­keit die­ser Art ist für mich also immer auch gleich­zei­tig eine Form der inten­si­ven Selbst­er­fah­rung und damit schon als sol­che sehr lehrriech.

Nun gut — genug der Refle­xio­nen. Ich woll­te ja eigent­lich mei­ne Geschich­te weitererzählen…

Im Fluss des Lebens

Mei­ne “Sona­ta qua­si una Fan­ta­sia” exis­tier­te nun also und ich spiel­te sie immer mal wie­der vor mich hin — nicht sel­ten sogar auf aus­drück­li­chen Wunsch mei­ner wun­der­vol­len Lebens­ge­fähr­tin mit der ich seit 1991 zusam­men­leb­te. Ab und an begann ich dabei, im Anschluss an das Stück ein paar Frag­men­te eines mög­li­chen zwei­ten Sat­zes zu impro­vi­sie­ren, die dann auch immer kon­kre­te­re Gestalt annah­men. Denn zumin­dest bei Mozart hat eine Kla­vier­so­na­te tra­di­tio­nell immer drei Sät­ze: einen schnel­len ers­ten, einen lang­sa­men zwei­ten und wie­der einen schnel­len drit­ten Satz. Inso­fern hat­te ich sogar auch schon ein paar rudi­men­tä­re Vor­stel­lun­gen davon im Kopf, wie ein mög­li­cher drit­ter und letz­ter Satz aus­se­hen müsste.

Aber: die Jah­re kamen und gin­gen. Aus Stu­di­um wur­de Berufs­le­ben, aus fri­scher, über­schwäng­li­cher Ver­liebt­heit wur­de gemein­sa­mes Leben in Form von Ehe und Fami­lie, für Kla­vier­spie­len war ver­meint­lich immer weni­ger Zeit und es gab so vie­le ande­re Din­ge, die mich allent­hal­ben ver­ein­nahm­ten. Im Ergeb­nis spiel­te ich mein Stück also immer sel­te­ner, die Kas­set­te mit der Ton­auf­nah­me ist ver­mut­lich einem der Woh­nungs­um­zü­ge die­ser vie­len Jah­re zum Opfer gefal­len und ich konn­te mich irgend­wann auch nicht mehr dar­an erin­nern, in wel­cher ver­damm­ten Kis­te ich wohl das Noten­ma­nu­skript ein­ge­la­gert hat­te. Eigent­lich konn­te mich mich irgend­wann über­haupt kaum noch an alle Details mei­nes Stücks erin­nern, obwohl ich immer annahm, dass einem so ein Werk mit all den vie­len Gedan­ken, die man sich bei sei­ner Schaf­fung gemacht hat, auf ewig im Gedächt­nis erhal­ten blei­ben wür­de. Immer­hin hat­te ich wenigs­tens noch die wesent­li­chen Tei­le im Kopf und trug zudem in all den Jah­ren das Gefühl in mir her­um, dass da noch ein bis­lang weit­ge­hend unaus­ge­schöpf­tes Poten­zi­al zur Schaf­fung wei­te­rer Musik in mir schlummerte.

Und dann kam das Jahr 2019 — genau genom­men des­sen Herbst. Noch ahn­te kei­ner etwas von einer glo­ba­len Pan­de­mie, die unse­ren Pla­ne­ten nur weni­ge Mona­te spä­ter für die nächs­ten Jah­re heim­su­chen wür­de oder davon, dass wir gut zwei­ein­halb Jah­re spä­ter den ers­ten mili­tä­ri­schen Angriff auf einen sou­ve­rä­nen euro­päi­schen Staat nach dem Zwei­ten Welt­krieg erle­ben wür­den. Inzwi­schen war das Inter­net in Form von Smart­pho­nes schon längst in jeder­manns Hosen­ta­sche ange­kom­men, die USA wur­den von einem voll­kom­men ego­ma­nen Immo­bi­li­en­kauf­mann, Deutsch­land hin­ge­gen von einer sicht­bar altern­den Über­mut­ti regiert. Euro­pa war inten­siv mit der Abwick­lung des Bre­x­it beschäf­tigt, wäh­rend uns die fort­schrei­ten­de Kli­ma­ver­än­de­rung gera­de den hei­ßes­ten jemals auf­ge­zeich­ne­ten Juni beschert hat­te. Eigent­lich also ein nicht all­zu spek­ta­ku­lä­res Jahr — schon gar nicht im Ver­gleich zu dem, was in den dar­auf­fol­gen­den Jah­ren noch alles kom­men sollte.

Irgend­wann im frü­hen Novem­ber hat­te sich mei­ne wun­der­vol­le Frau dazu ent­schie­den, ihren für Janu­ar 2020 anste­hen­den run­den Geburts­tag in gro­ßem Stil zu fei­ern — also so rich­tig in einer gedie­ge­nen Loca­ti­on mit vie­len Gäs­ten, Musik, Tan­zen und eben allem, was dazu gehört. Ziem­lich schnell wur­de mir dabei klar, dass so eine Fei­er natür­lich nach irgend­ei­nem akti­ven Bei­trag mei­ner­seits ver­langt, mit dem ich nicht nur mei­ne ent­zü­cken­de Frau selbst anläss­lich ihres Ehren­ta­ges zu wür­di­gen hat­te, son­dern auch und gera­de den Umstand, dass wir all die Jah­re glück­lich mit­ein­an­der ver­brin­gen durften. 

Und dann kam mir plötz­lich eine eben­so char­man­te wie irr­wit­zi­ge Idee: was wäre, wenn ich wäh­rend der Fei­er mein sei­ner­zei­ti­ges Musik­stück — das ja als Klang­dar­stel­lung mei­ner über­schwäng­li­chen Ver­liebt­heit aus der Anfangs­zeit unse­rer Bezie­hung gedacht war — in irgend­ei­ner geeig­ne­ten Form als Hom­mage an unse­re Bezie­hung zum Bes­ten gäbe? Außer mei­ner Frau selbst und bes­ten­falls einer Hand­voll wei­te­rer Per­so­nen hat­te es noch nie jemand gehört, und war­um soll­te die­ses ton­ge­wor­de­ne Zeug­nis mei­ner stür­misch-drän­gen­den Lei­den­schaft für die­se bezau­bern­de Frau nicht anläss­lich einer sol­chen Fei­er nach gut drei­ßig Jah­ren zu neu­er Blü­te rei­fen und in ent­spre­chend neu­em, viel­leicht irgend­wie wei­ter­ent­wi­ckel­tem Glanz erstrahlen? 

Ver­vier­facht

Die­ser Gedan­ke ließ mich seit­her nicht mehr los. Aber was könn­te ich dar­aus machen? Selbst dar­bie­ten? Bloß nicht! Ich hat­te das Kla­vier­spiel in der Zwi­schen­zeit auf ein abso­lu­tes Mini­mum redu­ziert, und es wür­de mich ohne­hin viel zu ner­vös machen, vor Publi­kum etwas vor­spie­len zu sol­len. Jemand ande­ren vor­spie­len las­sen? Auch irgend­wie blöd. Es war mei­ne musi­ka­li­sche Lie­bes­er­klä­rung an mei­ne bezau­bern­de Frau. Wie sähe das aus, wenn ein ande­rer sie für mich vor­tra­gen wür­de? Das kam also auch nicht in Frage. 

Doch dann schoss es mir wie ein Blitz in den Sinn: nicht ein ande­rer, son­dern vier ande­re! Wenn ich aus mei­nem Werk ein Stück machen wür­de, das von einem Ensem­ble zu spie­len ist, dann wäre wie­der­um klar, dass ich es nicht selbst spie­len kann und inso­fern auch nicht muss. Die Idee war gebo­ren: mein Stück muss­te in ein Streich­quar­tett umge­ar­bei­tet werden!

Tol­le Idee. Wirk­lich! Doch so wie drei­ßig Jah­re zuvor, als ich mir in den Kopf gesetzt hat­te, mei­ne Ver­liebt­heit in ein Kla­vier­stück zu fas­sen, erhob sich auch dies­mal zunächst die drän­gen­de Fra­ge: wie macht man das? Wie schreibt man ein Kla­vier­stück in ein Streich­quar­tett um? Es ist ja nicht so, dass ich in mich der Zwi­schen­zeit als Arran­geur — geschwei­ge denn als Kom­po­nist — zu ver­din­gen gelernt hät­te. Nach gut drei­ßig Jah­ren also gera­de wie­der “back to squa­re one”.

Aller Anfang ist schwer

Immer­hin hat­te ich nicht all­zu lan­ge davor mein Noten­ma­nu­skript von 1989 dann doch in irgend­ei­ner alten Kis­te gefun­den, so dass ich zumin­dest mal das gute alte Stück von damals voll­stän­dig vor­lie­gen hat­te. Ich kram­te also als Ers­tes ein eben­falls ziem­lich ange­staub­tes MIDI-Pro­gramm namens “Anvil Stu­dio” her­vor, mit dem ich irgend­wann in den zwan­zig Jah­ren davor mal ein paar musi­ka­li­sche Expe­ri­men­te voll­führt hat­te, ergänz­te es um ein Add-In, mit dem man Noten aus­dru­cken konn­te und begann, das Kla­vier­stück eins zu eins auf vier Stim­men zu ver­tei­len: die rech­te Hand mehr oder weni­ger auf ers­te und zwei­te Vio­li­ne, die lin­ke Hand mehr oder weni­ger auf Vio­la und Violoncello. 

Die ers­te wich­ti­ge Erkennt­nis, die ich dabei gewin­nen konn­te, lau­te­te: ein Vio­lon­cel­lo kann nicht so tief spie­len wie ein Kla­vier. Der tiefs­te Ton des Cel­los ist das soge­nann­te “C2″, wäh­rend das Kla­vier min­des­tens noch bis zum “A0″ her­un­ter­geht — also weit über eine Okta­ve tie­fer als das Cel­lo. Damit war mei­ne ers­te Auf­ga­be, die Cel­lo-Stim­me so anzu­pas­sen, dass kei­ne tie­fe­ren Töne als C2 vor­ka­men. Das bedeu­te­te im Wesent­li­chen, die tie­fen Töne der Bass­läu­fe um eine Okta­ve nach oben zu ver­set­zen und wo nötig, die Vor­gän­ger- und Fol­ge­tö­ne so anzu­pas­sen, dass ein eini­ger­ma­ßen orga­ni­scher Stimm­ver­lauf ent­steht. Dies betraf vor allem zwei Stel­len: Die Durch­füh­rung und die Schlusskadenz.

Ihr erin­nert Euch noch? Für die Durch­füh­rung hat­te ich — inspi­riert von Schu­berts “Unvoll­ende­ter” — das ein­lei­ten­de “Bala­lai­ka-Motiv” als Basis­me­lo­die in den Bass gesetzt. Die­se Melo­die ging jedoch so tief, dass ich die unte­ren Ver­dopp­lun­gen der Melo­die­tö­ne schon mal weg­las­sen muss­te. Aber auch dann rutsch­ten am Ende immer noch eini­ge Töne unter das C2, so dass ich an einer Stel­le einen Sprung nach oben ein­fü­gen muss­te, was in fol­gen­der Illus­tra­ti­on gut am roten Pfeil zu erken­nen ist:

Ähn­li­ches galt für die Schluss­ka­denz, für die ich mich ja — Ihr erin­nert Euch noch — von Brahms hat­te inspi­rie­ren las­sen. Auch hier muss­te ich die abstei­gen­den Ton­fol­gen an jenen Stel­len um eine Okta­ve nach oben ver­set­zen, an denen sie ansons­ten unter das C2 gera­ten wären, was wie­der­um in fol­gen­der Illus­tra­ti­on mit Hil­fe roter Pfei­le kennt­lich gemacht ist:

Die nächs­te Erkennt­nis lau­te­te, dass ein auf Gei­gen gespiel­tes Kla­vier­stück noch lan­ge kein Streich­quar­tett ist. Abge­se­hen davon, dass mein Anvil Stu­dio nur wirk­lich sehr künst­lich wir­ken­de und inso­fern reich­lich erbärm­li­che “Streicher”-Klänge zu syn­the­ti­sie­ren in der Lage war, zeig­te sich schnell, dass vier Instru­men­te, die als ein­zel­ne Stim­men zusam­men­spie­len, schon vom Grund­satz her etwas ganz ande­res sind, als ein ein­zel­nes Instru­ment, das meh­re­re Stim­men gleich­zei­tig spie­len kann. Wäh­rend es näm­lich beim Ein­zel­in­stru­ment vor­nehm­lich um das von ihm erzeug­te Klang­bild als Gan­zes geht, kommt es bei zusam­men­spie­len­den Instru­men­ten auch dar­auf an, dass jedes Ein­zel­ne davon in sei­ner Eigen­stän­dig­keit berück­sich­tigt wird und zur Gel­tung kommt. Hin­zu kommt, dass für Streich­in­stru­men­te eine fun­da­men­tal ande­re Ton­er­zeu­gungs­tech­nik ein­ge­setzt wird als für Ham­mer­kla­vie­re: ihre Töne kön­nen durch das Strei­chen prak­tisch belie­big lan­ge gehal­ten wer­den, wäh­rend Kla­vier­tö­ne sofort nach ihrer Erzeu­gung durch den Filz­ham­mer zu ver­klin­gen begin­nen. Die­ser Umstand bedingt ein ent­spre­chend ande­res musi­ka­li­sches Den­ken für Streich­in­stru­men­te als für das Kla­vier. Schließ­lich passt auch die tra­di­tio­nel­le “lin­ke Hand/rechte Hand”-Denkweise des Kla­vier­spiels nicht so recht in die Welt vie­rer eigen­stän­di­ger Instru­men­te, die als Ensem­ble spielen. 

Kurz gesagt: es war noch eini­ges umzu­schrei­ben, damit das Stück halb­wegs nach einem Streich­quar­tett und eben nicht nach einem von Streich­in­stru­men­ten gespiel­ten Kla­vier­stück klang.

Schritt für Schritt

Na schön: an die Arbeit! Ich fing also ganz vor­ne an und schnapp­te mir daher als ers­tes mei­ne Bala­lai­ka-arti­ge Ein­lei­tung, deren schnel­le Oktav-Tre­mo­los sich so nicht auf einer Gei­ge umset­zen lie­ßen — und schon gar nicht als glaub­haf­te Simu­la­ti­on eines Bala­lai­ka-Klangs. Daher ent­schied ich mich, die Bala­lai­ka-Idee kom­plett auf­zu­ge­ben, und die ers­te Vio­li­ne statt­des­sen das Ein­lei­tungs­the­ma ein­fach line­ar her­un­ter­spie­len zu lassen:

Als nächs­tes nahm ich mir die wal­zer­ar­ti­ge Drei­vier­tel­takt­be­glei­tung des Haupt­sat­zes vor. Hier fand ich es nach dem ers­ten Durch­hö­ren der “1:1”-Transkription schlicht­weg zu banal, dass Cel­lo, Brat­sche und zwei­te Vio­li­ne ein­fach durch­ge­hend par­al­lel zuein­an­der unter­schied­li­che Töne der jewei­li­gen Begleit­ak­kor­de spie­len soll­ten — also als exak­te Imi­ta­ti­on der lin­ken Kla­vier­hand. Statt­des­sen ließ ich die zwei­te Vio­li­ne an aus­ge­wähl­ten Stel­len lie­ber ab- bzw. auf­stei­gen­de Ton­fol­gen spie­len, um ihr eine gewis­se Eigen­stän­dig­keit zu ver­lei­hen, was im Fol­gen­den durch rote Noten her­vor­ge­ho­ben ist. Gleich­zei­tig ließ ich die zwei­te Vio­li­ne im letz­ten Teil des Haupt­sat­zes eine eigen­stän­di­ge abstei­gen­de Begleit­fi­gur gefolgt von einem sich auf und ab bewe­gen­den Zwi­schen­mo­tiv spie­len, die im Fol­gen­den durch grü­ne Noten her­vor­ge­ho­ben sind: 

Für den Sei­ten­satz ging ich dann noch ein biss­chen wei­ter. Da sich hier die lin­ke Hand des Kla­viers im Wesent­li­chen voll­stän­dig auf das Cel­lo und die rech­te Hand auf die ers­te Vio­li­ne über­tra­gen lie­ßen, hat­ten zwei­te Vio­li­ne und Brat­sche gewis­ser­ma­ßen an die­ser Stel­le “nichts zu tun”. Anders gesagt: ich hat­te hier noch zwei Stim­men frei, die ich ohne kon­kre­te Bezug­nah­me auf die Kla­vier­par­ti­tur gestal­ten konn­te. Also nahm ich mir zuerst die Brat­sche vor und ließ sie für den ers­ten Teil des Sei­ten­sat­zes einen aus lan­gen Noten zusam­men­ge­setz­ten Klang­tep­pich unter der ers­ten Vio­li­ne spie­len (nach­ste­hend in Rot her­vor­ge­ho­ben):

Die zwei­te Vio­li­ne ließ ich in hin­ge­gen weit­ge­hend ober­halb der ers­ten Vio­li­ne spie­len — dies­mal sogar kon­se­quent mit Noten in vol­ler Takt­län­ge (nach­ste­hend in Grün her­vor­ge­ho­ben):

Aus heu­ti­ger Sicht war das satz­tech­nisch wohl nicht das All­er­klügs­te, denn im Gegen­satz zum Orches­ter, wo Strei­cher ger­ne mal einen sanf­ten Klang­tep­pich über die ande­ren Stim­men legen kön­nen, kon­kur­rie­ren die bei­den Vio­li­nen im Streich­quar­tett meist über die Ton­hö­he mit­ein­an­der um die Vor­herr­schaft im ent­ste­hen­den Klang­bild. Und wie sich spä­ter in der Auf­nah­me mit ech­ten Instru­men­ten noch zei­gen soll­te, klaut mei­ne ent­spre­chend gesetz­te zwei­te Vio­li­ne an die­ser Stel­le tat­säch­lich der Ers­ten ein wenig die Show. Aber gut: so lernt man dazu…

Für den zwei­ten Teil des Sei­ten­sat­zes ließ ich zwei­te Vio­li­ne und Brat­sche dann wie­der­um gemein­sam in zuein­an­der pas­sen­den Inter­val­len unre­gel­mä­ßi­ge Stak­ka­to-Vier­tel als punk­tu­el­le Akzen­te spie­len, um die inten­dier­te Wir­kung der lei­den­schaft­li­chen Unru­he die­ser Pas­sa­ge zu unter­strei­chen (nach­fol­gend in Rot her­vor­ge­ho­ben). Kurz vor der Schluss­grup­pe ließ ich die bei­den dage­gen durch Ach­tel­trio­len eine gewis­se Zusatz­dra­ma­tik erzeu­gen, um den nahen­den Abschluss des Sei­ten­sat­zes deut­li­cher her­vor­zu­he­ben (nach­fol­gend in Grün dar­ge­stellt):

Ins­ge­samt stell­te sich damit die Expo­si­ti­on mei­ner Strei­cher­tran­skrip­ti­on schließ­lich wie folgt dar:

Neu durch­ge­führt

Nicht dass jetzt der Ein­druck ent­steht, ich hät­te das damals eben mal so locker aus dem Ärmel geschüt­telt, wie es mei­ne obi­gen Schil­de­run­gen viel­leicht Glau­ben machen. Das alles ist eher das Ergeb­nis vie­ler “Tri­al and Error”-Zyklen, und das gute alte Anvil Stu­dio mach­te die Sache mit sei­nen extrem syn­the­ti­schen, schril­len “Geigen”-Klängen auch nicht gera­de leich­ter. Hier z.B. mal der Anfang der Expo­si­ti­on als eine klei­ne Kost­pro­be der Klang­si­mu­la­ti­on, mit der ich in der Anfangs­zeit mei­nes Tran­skrip­ti­ons­vor­ha­bens leben musste:

Zwar konn­te man damit durch­aus arbei­ten, aber jetzt mal ehr­lich: die­ses jäm­mer­li­che Gequiet­sche klingt doch mehr nach Leier­or­gel auf dem Jahr­markt als nach Streich­quar­tett und grenzt inso­weit schon sehr haar­scharf an eine Zumu­tung. Den eigent­li­chen Schritt in die rech­ner­ge­stütz­te Musi­kerzeu­gung mit ange­mes­se­nen Werk­zeu­gen ging ich tat­säch­lich erst ein paar Wochen spä­ter. Doch dazu kom­men wir noch. 

Mir stand jetzt erst­mal die Auf­ga­be ins Haus, als nächs­tes mei­ne Durch­füh­rung für Strei­cher zu arran­gie­ren. Hier zeig­te sich — ähn­lich wie für den Sei­ten­satz — dass die bei­den Hän­de des Kla­vier-Ori­gi­nals schnell auf Cello/Bratsche (uni­so­no in Oktav­ab­stand) und ers­te Vio­li­ne ver­teilt waren, wobei ich letz­te­re nach fünf Tak­ten eine Okta­ve nach oben ver­set­zen muss­te, weil die ursprüng­li­che Stim­me aus dem Kla­vier-Ori­gi­nal ansons­ten unter den tiefs­ten Ton der Vio­li­ne (das soge­nann­te “G3″) gerutscht wäre. Das Ergeb­nis die­ser ers­ten 1:1‑Umsetzung klang indes­sen eher mager:

Also nahm ich die Brat­sche gleich wie­der aus dem Uni­so­no mit der Cel­lo­stim­me her­aus, zumal dadurch ohne­hin ledig­lich die Okta­ven der Kla­vier­par­ti­tur nach­ge­bil­det wur­den, was inso­fern dem Anspruch einer stimm­li­chen Eigen­stän­dig­keit der vier Quar­tett-Instru­men­te abso­lut nicht gerecht wur­de. Statt­des­sen setz­te ich die Töne der Brat­sche in eine für mich sinn­vol­le har­mo­ni­sche Bezie­hung zur Cel­lo­stim­me und ver­lieh ihr so ein Stück weit die gewünsch­te Eigen­stän­dig­keit. Dass ich dabei in mei­nem eher intui­ti­ven Vor­ge­hen den Geset­zen der poly­pho­nen Stimm­füh­rung nicht gera­de puris­tisch gefolgt bin, habe ich erst spä­ter erkannt. Aber auch hier gilt, dass die Lern­kur­ve am Anfang nun ein­mal stei­ler ist als in der Fol­ge­zeit. Am Ende der Durch­füh­rung ließ ich jeden­falls die Ach­tel­trio­len vom Ende des Sei­ten­sat­zes — gewis­ser­ma­ßen als uni­ver­sel­les Erken­nungs­merk­mal eines nahen­den Abschnitts­wech­sels — in der Brat­sche wie­der auf­le­ben. Das zuge­hö­ri­ge Zwi­schen­er­geb­nis sah dann so aus:

Fein. Da klin­gen die Har­mo­nien doch gleich schon eine gan­ze Stan­ge rei­cher. Soweit also ein guter Anfang. Aber immer noch klaff­te eine gäh­nen­de Lücke zwi­schen der ers­ten Gei­ge und der Brat­sche. Es galt daher nun, die­se Lücke in Form einer geeig­ne­ten Stim­me für die zwei­te Vio­li­ne ange­mes­sen zu fül­len. Ich expe­ri­men­tier­te also zunächst mit syn­ko­pi­schen Noten in vol­ler Takt­län­ge, die sich wie­der ein­mal über der ers­ten Gei­ge ansie­deln soll­ten. Die Syn­ko­pen soll­ten der Durch­füh­rung zu etwas mehr “Dri­ve” ver­hel­fen, wäh­rend die hohen, lan­gen Töne dem Gan­zen einen sphä­ren­klang­ar­ti­gen Ein­schlag ver­lei­hen soll­ten. Das Ergeb­nis prä­sen­tier­te sich dann so (die ent­spre­chen­de Stim­me ist durch grü­ne Noten hervorgehoben):

Hm, naja — hat schon irgend­wie was. Aber so wirk­lich orga­nisch klingt es trotz­dem nicht. Die zwei­te Gei­ge kommt gera­de zum Schluss der Durch­füh­rung dann doch etwas sehr gewollt und zu auf­dring­lich durch. Auch strebt sie nicht in einer kla­ren Dra­ma­tur­gie auf das Ende der Durch­füh­rung zu und wirkt inso­weit eher belie­big. Ich schob also mei­ne ohne­hin ja schon reich­lich ein­fach und regel­mä­ßig struk­tu­rier­ten Noten ein wenig hin und wie­der ein wenig her. Aber so rich­tig zün­den woll­te das Gan­ze ein­fach nicht. Da muss­te schlicht­weg noch mehr, noch irgend­et­was Raf­fi­nier­te­res pas­sie­ren. Und da fiel es mir plötz­lich wie Schup­pen aus den Augen: hier gehör­te ganz klar eine Ein­ar­bei­tung des Sei­ten­sat­zes hin, wie sie nach der rei­nen Leh­re der Sona­ten­satz­form für eine Durch­füh­rung ja auch eigent­lich gefor­dert wäre! Schließ­lich soll die Durch­füh­rung ja die bei­den kon­tras­tie­ren­den The­men aus der Expo­si­ti­on — also den Haupt­satz und eben auch den Sei­ten­satz — gera­de so gemein­sam ver­ar­bei­ten, dass es in der anschlie­ßen­den Repri­se zu einer Syn­the­se der The­men kom­men kann. 

Ihr erin­nert Euch viel­leicht noch ein mei­ne dies­be­züg­li­chen Ein­las­sun­gen zur Gestal­tung mei­ner Durch­füh­rung aus dem ers­ten Teil die­ser Bei­trags­se­rie: auf die Ver­ar­bei­tung des Sei­ten­sat­zes in der Durch­füh­rung hat­te ich vor allem als Tri­but an die spiel­tech­ni­sche Ein­fach­heit mei­nes Werks ver­zich­ten müs­sen, da ich es ja selbst auf Kla­vier ein­spie­len woll­te. Die­se Ein­schrän­kung war aber jetzt nicht mehr gege­ben, denn nun waren statt mei­ner selbst vier Strei­cher gefragt, die ihr Hand­werk ohne­hin gut genug beherr­schen müss­ten, um mein Stück mit allem drum und dran feh­ler­frei auf­füh­ren zu können. 

Also ließ ich die zwei­te Gei­ge zunächst wie­der die ers­ten paar der syn­ko­pi­schen Noten spie­len, die ich in mei­nem ers­ten Ver­such zusam­men­ge­bas­telt hat­te (mit ganz weni­gen Modi­fi­ka­tio­nen). Nach sechs Tak­ten die­ser Art schnapp­te ich mir dann aber das cha­rak­te­ris­ti­sche Motiv vom Anfang des Sei­ten­sat­zes und setz­te es in har­mo­nisch ange­pass­ter Form an die­sen ruhi­gen Vor­lauf an. Aus der zwei­ten Hälf­te des anfäng­li­chen Sei­ten­satz­mo­tivs mach­te ich hin­ge­gen eine Sequenz, die sich bis zum Ende der Durch­füh­rung fort­spin­nen soll­te, wo sie schließ­lich durch die mehr­fach ange­spro­che­nen Ach­tel­trio­len als Erken­nungs­merk­mal für den kom­men­den Abschnitts­wech­sel — par­al­lel zur Brat­sche — abge­löst wer­den soll­te. Das Ergeb­nis sah dann wie folgt aus (die zwei­te Gei­ge ist wie­der­um durch grü­ne Noten hervorgehoben):

Na bit­te — es geht doch! So war es für mich eine run­de Sache, und die immer noch klaf­fen­de Wun­de einer aus prag­ma­ti­schen Grün­den unvoll­stän­dig belas­se­nen Durch­füh­rung war nach ziem­lich genau drei­ßig Jah­ren end­lich geschlos­sen und ver­heilt! Ich war zufrie­den mir (und wer mich kennt, der weiß, dass das nicht all­zu oft pas­siert, wo ich doch selbst mein erbit­terts­ter Kri­ti­ker bin). Jeden­falls für die­sen Moment.

Neu zurück­ge­holt

Es ver­blieb also noch die ent­spre­chen­de Anpas­sung der Repri­se und der Coda. Für die Repri­se des Haupt­sat­zes griff ich auf ana­lo­ge Stil­mit­tel zu denen aus der Expo­si­ti­on zurück: zunächst die seuf­zer­ar­ti­gen auf- und abstei­gen­den Ton­fol­gen in der zwei­ten Vio­li­ne (nach­ste­hend in Rot her­vor­ge­ho­ben) gefolgt von der abstei­gen­den Begleit­fi­gur und dem auf- und abstei­gen­den Zwi­schen­mo­tiv (nach­ste­hend in Grün her­vor­ge­ho­ben) — jeweils an die ver­än­der­te Gestalt des Haupt­sat­zes angepasst:

Auch für die Repri­se des Sei­ten­sat­zes ori­en­tier­te ich mich natur­ge­mäß an der bereits exis­tie­ren­den Tran­skrip­ti­on der Expo­si­ti­on. Im ers­ten Teil des zu wie­der­ho­len­den Sei­ten­sat­zes bil­de­ten zwei­te Vio­li­ne und Brat­sche dem­nach wie­der ihre Klang­tep­pi­che über- bzw. unter der ers­ten Vio­li­ne (nach­ste­hend wie­der­um durch rote Noten kennt­lich gemacht):

Im zwei­ten Teil des Sei­ten­sat­zes soll­te die Brat­sche ihre Klang­tep­pi­che zunächst fort­set­zen. Für die zwei­te Vio­li­ne hin­ge­gen wäre es mir zu banal vor­ge­kom­men, wenn auch sie ein­fach so ihren Klang­tep­pich wei­ter­pro­du­ziert hät­te. Daher ließ ich sie der Haupt­me­lo­die aus der ers­ten Vio­li­ne fol­gen und zwar zunächst über, dann aber unter der ers­ten Vio­li­ne. Der ent­spre­chen­de Abschnitt ist nach­ste­hend an den roten Noten zu erken­nen. Die unre­gel­mä­ßi­gen Akzen­te, die Brat­sche und zwei­te Vio­li­ne in der Expo­si­ti­on an der ver­gleich­ba­ren Stel­le gesetzt hat­ten, ließ ich wegen der abge­wan­del­ten Form die­ses Seg­ments in der Repri­se weg. Statt­des­sen soll­te die zwei­te Vio­li­ne jetzt wie­der der ers­ten fol­gen, wäh­rend die Brat­sche nur kur­ze Beto­nun­gen am Takt­an­fang zu spie­len hat­te (nach­ste­hend an den vio­let­ten Noten zu erken­nen). Zum Ende des Sei­ten­sat­zes hin ließ ich die Klang­tep­pi­che in Brat­sche und ers­ter Vio­li­ne wie­der auf­le­ben — dies­mal jedoch in zuein­an­der gespie­gel­ten Noten­län­gen (kurz/lang vs. lang/kurz). Dadurch soll­te noch etwas mehr Dra­ma­tik an die­ser Stel­le ent­ste­hen, die ja gewis­ser­ma­ßen den Höhe­punkt der Repri­se dar­stell­te (nach­ste­hend durch grü­ne Noten kennt­lich gemacht). Schließ­lich soll­ten Brat­sche und zwei­te Vio­li­ne zu guter Letzt wie­der ihre Ach­tel­trio­len spie­len — wie­der­um als Erken­nungs­merk­mal für das nahen­de Ende eines Abschnitts im Sin­ne der Sonatenform:

Und damit war dann auch schon die Tran­skrip­ti­on der Repri­se voll­bracht — und zwar in einer Wei­se, die ich durch­aus als zufrie­den­stel­lend emp­fand. Als Gan­zes klang die Repri­se damit so:

Kommt Leu­te — das hat doch was. Ist doch genau die Kom­bi­na­ti­on aus Roman­tik, Lei­den­schaft, sla­wi­schen Klang­wel­ten und tän­ze­ri­schem Grund­cha­rak­ter, die ich der­einst mit mei­nem Erst­lings­werk in Musik gie­ßen woll­te, oder? Also mir gefällt’s jeden­falls. Das muss man in aller Beschei­den­heit ja auch mal sagen dürfen…

Ende der Übertragung

Damit blieb also nur noch die Coda für mei­ne vier Strei­cher zu arran­gie­ren. Ihr erin­nert Euch doch sicher noch an die Aus­füh­run­gen, die ich in mei­nem vori­gen Bei­trag zur Coda mei­nes ursprüng­li­chen Kla­vier­stücks gemacht hat­te — also die Sache mit den “Balalaika”-artigen Oktav­re­pe­ti­tio­nen. Aller­dings war an eine 1:1‑Übertragung die­ser Kla­vier-Spiel­tech­nik auf Streich­in­stru­men­te schon mal nicht zu den­ken, denn Gei­gen sind für die­se Art von Ton­wie­der­ho­lun­gen ein­fach nicht gemacht. Es ist die eine Sache, Dau­men und klei­nen Fin­ger auf dem Kla­vier läs­sig aus dem Hand­ge­lenk über eine Okta­ve hin- und her­schau­keln zu las­sen. Aber der Gei­gen­bo­gen hat nun ein­mal eine gewis­se Mas­se­träg­heit, so dass er ein­fach nicht so schnell fort­wäh­rend im Höchst­tem­po von einer Sai­te auf die ande­re und wie­der zurück sprin­gen kann — schon gar nicht über län­ge­re Zeit­räu­me hin­weg. Was die Gei­ge dage­gen gut kann, ist die schnel­le Wie­der­ho­lung ein und des­sel­ben Tons, denn dann muss der Spie­ler den Bogen ein­fach nur an der­sel­ben Stel­le schnell genug abwech­selnd auf- und abstrei­chen las­sen. Also expe­ri­men­tier­te ich als ers­tes mit Ton­wie­der­ho­lun­gen anstel­le der Oktav­re­pe­ti­tio­nen. Dabei ent­schied ich mich in Anleh­nung an das mehr­fach ver­wen­de­te “Abschnittswechsel”-Erkennungsmotiv für Ach­tel­trio­len. Das Ergeb­nis klang dann so:

Ja, also — was soll ich sagen? Irgend­wie ganz OK und so, aber wirk­lich pri­ckelnd ist das nun nicht gera­de. Da müss­te schon noch was Kna­cki­ge­res rein, dach­te ich mir. Klar, so ent­spricht es wohl am ehes­ten dem Ori­gi­nal­text der Kla­vier­vor­la­ge, aber für ein Streich­quar­tett ist es schlicht­weg zu höl­zern und sim­pel. Also ging ich noch­mals in mich und ließ ein biss­chen Strei­cher­mu­sik an mei­nem inne­ren Ohr vorbeiziehen. 

Eines der schöns­ten Bei­spie­le die­ser Art ist für mich ein­deu­tig Felix Men­dels­sohns Vio­lin­kon­zert in e‑Moll (Op. 64) aus dem Jah­re 1844. Es gilt gewis­ser­ma­ßen als der “Gold­stan­dard” für roman­ti­sche Vio­lin­kon­zer­te und berei­te­te in sei­ner ori­gi­nel­len Form­ge­bung so man­chem Fol­ge­werk, wie etwa Max Bruchs g‑Moll-Vio­lin­kon­zert aus dem Jah­re 1868 oder Pjotr Iljitsch Tschai­kow­skis D‑Dur-Vio­lin­kon­zert aus dem Jah­re 1878 den Weg. Außer­dem höre ich zumin­dest im ers­ten Satz die­ses Kon­zer­tes bis­wei­len Klang­wel­ten durch­schei­nen, in denen sich ein win­zi­ges Biss­chen der jüdi­schen Her­kunft Men­dels­sohns offen­ba­ren könn­te. Aber das mal nur so nebenbei…

Am Ende der Durch­füh­rung des besag­ten ers­ten Sat­zes fin­det sich jeden­falls eine von Men­dels­sohn selbst aus­kom­po­nier­te Solo­ka­denz (also ein Abschnitt, in dem die Solo­vio­li­ne qua­si-impro­vi­sa­to­risch ohne Orches­ter­be­glei­tung spielt). Die­se Kadenz schließt mit einer vir­tuo­sen Sequenz aus Arpeg­gi­os (har­fen­ar­ti­ge Akkord­bre­chun­gen), in die dann schluss­end­lich lang­sam wie­der das Orches­ter einstimmt:

Natür­lich ist mein beschei­de­nes Werk gan­ze Uni­ver­sen von einer sol­chen Stern­stun­de der Streich­mu­sik ent­fernt. Aber der­ar­ti­ge Arpeg­gi­en-Sequen­zen oder wenigs­tens Fol­gen ande­rer Arten von Akkord­bre­chun­gen — das stün­de mei­ner bis­her doch eher unspek­ta­ku­lä­ren Coda wahr­lich gut zu Gesicht. Ich ließ mich also von die­ser Pas­sa­ge inspi­rie­ren und lös­te mei­ne ein­tö­ni­gen Ach­tel­trio­len in Drei­klang­sbre­chun­gen auf. Das Ergeb­nis klang dann so:

Na bit­te: das kann sich doch hören las­sen! Genau so darf die Tran­skrip­ti­on mei­nes klei­nen Werks ruhig klin­gen. Das war die Schluss­ka­denz, die dem Gan­zen Unter­fan­gen einen wür­di­gen Abschluss ver­lei­hen sollte.

Wow! Mei­ne Tran­skrip­ti­on war end­lich fer­tig! Drei­ßig Jah­re nach sei­ner Ent­ste­hung war aus mei­nem in Kla­vier­mu­sik gefass­ten Ver­liebt­heits­rausch also wahr­haft ein Streich­quar­tett gewor­den! Das war ein bewe­gen­der Moment, Leu­te — ehr­lich. Ich weiß nicht, ob Ihr auch schon mal sowas erlebt habt, aber mir berei­te­te das regel­recht Herz­klop­fen. Ich spür­te ein­fach, dass da etwas ent­stan­den war, das wirk­lich etwas Fun­da­men­ta­les von mir selbst gegen­über mei­ner Frau ausdrückte. 

Klar: aus heu­ti­ger Sicht ist da drin noch so vie­les, was mehr nach Gehör und Gefühl als nach den Regeln der Satz­leh­re geschrie­ben ist und inso­fern unbe­dingt ver­bes­sert wer­den müss­te. Im Grun­de müss­te man eigent­lich das gan­ze Stück noch­mals einem gründ­li­chen Revi­si­ons­pro­zess unter­zie­hen und es von Grund auf für Strei­cher kon­zi­pie­ren. Aber hey: so wie es ist, ist es doch irgend­wie authen­tisch und gibt mei­nes Erach­tens den Geist und auch die jugend­li­che Unbe­darft­heit des ursprüng­li­chen Stücks ange­mes­sen wie­der. Inso­fern habe ich mich damals dazu ent­schlos­sen, das Werk für been­det (gleich­wohl viel­leicht nicht wirk­lich für voll­endet) zu erklä­ren und es im bestehen­den Zustand auf sich beru­hen zu las­sen. Als Gan­zes klang es damit also so:

Das, was Ihr hier hören könnt, ist natür­lich nur eine Klang­si­mu­la­ti­on, die mit Hil­fe eines frei erhält­li­chen Noten­satz­pro­gramms erzeugt wur­de (von dem — wie schon wei­ter oben ange­deu­tet — im nächs­ten Bei­trag noch die Rede sein wird). Selbst­ver­ständ­lich gibt es mitt­ler­wei­le auch die Auf­nah­me einer pro­fes­sio­nel­len Ein­spie­lung die­ses Stücks. Und die klingt um Län­gen schö­ner als obi­ge Simu­la­ti­on. Und kei­ne Sor­ge: die kriegt Ihr natür­lich auch noch zu hören. Aber alles der Rei­he nach. Noch sind wir im spä­ten Novem­ber 2019, und da war es noch lan­ge nicht so weit…

Und was nun?

Mitt­ler­wei­le war es, wie gesagt, schon Ende Novem­ber 2019 — also rund sie­ben Wochen vor der Fei­er. Schön, dass mei­ne Tran­skrip­ti­on — die ich inzwi­schen in “Fan­ta­sia qua­si una Sona­ta” (“Fan­ta­sie, bei­na­he eine Sona­te) umbe­nannt hat­te — jetzt zu mei­ner eige­nen Erbau­ung fer­tig war. Aber wie soll­te dar­aus jetzt eigent­lich eine live-Auf­füh­rung wer­den? Wo kriegt man über­haupt erst­mal ein Ensem­ble her, das bereit ist, die­ses Stück in der kur­zen Zeit ein­zu­stu­die­ren und live auf einer pri­va­ten Fei­er aufzuführen? 

Ich wand­te mich also Anfang Dezem­ber 2019 hil­fe­su­chend an den Lei­ter unse­res Syn­ago­gen­chors (ein musi­ka­lisch außer­or­dent­lich begab­ter, vor allem aber sehr lie­ber und hilfs­be­rei­ter Mensch, den mei­nen Freund nen­nen zu dür­fen ich das Pri­vi­leg habe) und schick­te ihm das Stück mit der Fra­ge, ob er Kon­takt zu einem Streich­quar­tett her­stel­len kön­ne, wel­ches das Stück wäh­rend der geplan­ten Fei­er vor­spie­len könn­te. Gleich­zei­tig durf­te ich im Rah­men sei­ner erhoff­ten Rück­mel­dung aber auch das ers­te Feed­back erwar­ten, das ich zu mei­ner Tran­skrip­ti­on bekom­men würde. 

Ich war also durch­aus auf­ge­regt, als ich sei­ne E‑Mail-Nach­richt am nächs­ten Tag in mei­nem Post­ein­gang fand. Und sie­he da: es schien im zu gefal­len! Und was viel wich­ti­ger war: es wür­de sich sei­ner pro­fes­sio­nel­len Ein­schät­zung nach tat­säch­lich mit “klei­nen tech­ni­schen Kor­rek­tu­ren” von einen Quar­tett spie­len las­sen und dabei “sehr fein klin­gen”. Leu­te: das ging run­ter wie Öl! Aus mei­ner wage­mu­ti­gen Idee wur­de greif­ba­re Rea­li­tät! Ich wür­de ein Stück geschrie­ben haben, das von ech­ten Musi­kern auf­ge­führt wer­den wür­de — eine abso­lut neue Erfah­rung für mich.

Ja, ich weiß, was jetzt gleich kommt: “sag mal, geht es hier um eine Über­ra­schung für Dei­ne Frau oder um Dich und Dei­ne Selbst­er­fah­rung?” Eine berech­tig­te Fra­ge. Ich selbst war jeden­falls über alle Maße begeis­tert und konn­te mir eigent­lich nur wün­schen, dass mei­ne Frau bei der noch zu pla­nen­den Auf­füh­rung wenigs­tens annä­hernd so begeis­tert sein wür­de. War das Gan­ze also in Wahr­heit ein als Über­ra­schung für mei­ne Frau getarn­ter Ego­trip? Ich wünsch­te, ich könn­te das dezi­diert mit “nein” beant­wor­ten, aber das wäre wohl nicht ganz ehr­lich. So ganz frei von Ego­trip wird es denn wohl auch nicht gewe­sen sein. Ande­rer­seits: es mach­te mir auf alle Fäl­le unend­lich Spaß, und es wür­de so oder so eine wirk­lich beson­de­re Über­ra­schung für mei­ne Frau her­aus­kom­men. Wenn sich dar­über hin­aus auch noch ein mehr oder weni­ger gro­ßes Stück Ego­trip dahin­ter ver­birgt — so what? Am Ende zählt doch das Ergebnis.

Apro­pos Ergeb­nis: wie ging die Geschich­te jetzt eigent­lich wei­ter? Kam es wirk­lich zur Auf­füh­rung? Wenn ja: wie ist sie gelau­fen? Und: was war mit den ein­lei­tend bzw. im vor­an­ge­gan­ge­nen Bei­trag ange­deu­te­ten wei­te­ren Sät­zen des Stücks? 

Davon, Ihr Lie­ben, soll im nächs­ten Teil die­ser Bei­trags­se­rie aus­führ­lich die Rede sein, in dem es um Dezem­ber 2019 und Janu­ar 2020 gehen soll. Ihr dürft also mal wie­der gespannt bleiben…

Alles Lie­be

Dani­el

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  • Lie­ber Dani­el, shalom. Hitch­cock ist nix dage­gen! Ein Abend von Magie pur! Statt Katar — die embryo­na­le Ent­wick­lung eines Musik­zau­bers! Ich und mein jün­ge­rer Sohn, der mit mir jetzt alles mit­ge­le­sen und mit anhör­te, sind ehr­lich begeis­tert! Dei­ne Gabe, einen musi­ka­li­schen und roman­tisch-psy­cho­lo­gi­schen Vor­gang gleich­zei­tig zu ver­mit­teln und zu über­mit­teln, ist umwer­fend. Dei­ne Offen­heit ist ver­blüf­fend. Dein Humor dazu — eine Sal­be für die See­le! Ich darf Dir genau­so offen sagen, dass ich lei­der kei­ne ein­zi­ge Note lesen kann. Aber ich habe die Noten in allen Stu­fen­dar­stel­lun­gen ver­zau­bert ange­schaut, als wären es die Orches­ter-Musi­ker der Phil­har­mo­nie. Es war dabei so viel-Har­mo­nie… Ich las mei­nem Sohn, der hin­ter mir und dem Lap­top gespannt stand, Dei­ne wie vom Natur­quell flie­ßen­den Erläu­te­run­gen. Uns bei­den kam es vor, als wür­den wir Dich als den Diri­gen­ten Zubin Meh­ta mit dem Rücken zu uns ste­hend sehen. Wir sind extrem dank­bar für Dein sharing die­ses wun­der­vol­len Bei­trags, und war­ten rich­tig gespannt auf die Fort­set­zung! Bit­te! Lie­be Grü­ße und die bes­ten Wün­sche für gute Gesund­heit und wei­ter­hin so blü­hen­der von Lie­be getrie­be­ner mul­ti­dis­zi­pli­nä­re Krea­ti­vi­tät! Dein Ari Lipinski

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