Warum ich das Handtuch werfe – Bekenntnisse eines resignierten Gabbais

Hallo Ihr Lieben,

ab heute ist es amtlich: ich habe meine Tätigkeit als Gabbai (also als Mitglied des Synagogenvorstands) in der Frankfurter Westendsynagoge nach gut elf Jahren mit sofortiger Wirkung beendet.

Auch wenn die Entwicklungen, die mich zu diesem Schritt gebracht haben, vermuten lassen, dass es nicht allzu viele Menschen geben dürfte, die jenem Entschluss überhaupt irgendeine Bedeutung beimessen, so mag es dennoch einige unter Euch geben, die sich schon aufgrund ihrer persönlichen Nähe zu mir für meine Motivlage interessieren könnten, so dass ich für alle Fälle mit diesem kleinen Beitrag darlegen möchte, welche Beweggründe hinter meiner Entscheidung stecken.

Um Missverständnissen vorzubeugen und es gleich vorweg ein für allemal klarzustellen: mein Entschluss hat nichts, ja wirklich absolut gar nichts mit dem Weggang unseres geehrten Rabbiner Menachem Halevi Klein und noch viel weniger als nichts mit dem Amtsantritt unseres geehrten Rabbiner Julian-Chaim Soussan oder unseres neuen Kantors Yoni Rose zu tun. Ganz im Gegenteil: hätte Rav Soussan nicht durch den Weggang von Rav Klein in die Westendsynagoge gewechselt, hätte ich meinen Rückzug aus dem Synagogenvorstand schon Ende letzten Jahres angetreten. Dass ich damit bis heute gewartet habe, ist also gerade der Überlegung geschuldet, auf keinen Fall den Eindruck erwecken zu wollen, mein Entschluss hätte etwas mit der neuen Rollendefinition von Rav Soussan zu tun.

Rav Soussan ist für mich ebenso wie Yoni Rose vielmehr ein leuchtender Hoffnungsträger für einen längst überfälligen Modernisierungsschub in Kultus und Religionspädagogik unserer Gemeinde und als ich Rav Soussan vor einigen Wochen über meine Rückzugsabsichten aus dem Synagogenvorstand in Kenntnis gesetzt habe, habe ich ihm gegenüber unmissverständlich deutlich gemacht, dass ich auch weiter sehr gerne für jede Form der Unterstützung seiner Arbeit zur Verfügung stehe, bei der ich meine Energien konstruktiv und fruchtbar zur Entfaltung bringen kann.

Und genau damit sind wir eigentlich auch schon beim Kern meiner Motivation für die Beendigung meiner Tätigkeit im Synagogenvorstand: mir ist in den letzten zwei Jahren nach langem inneren Hadern endlich klar geworden, dass ich mich im Rahmen dieses Amts in einer Weise engagiere, die an der Bedürfnislage der überwältigenden Mehrheit unter den G*ttesdienstteilnehmern komplett vorbeigeht.

Während nämlich meine Vorstellung eines würdigen G*ttesdienstablaufs so etwas wie gemeinschaftlich geteilte Gesänge, Andacht und Besinnlichkeit beinhaltet, sucht der überwiegende Teil der allwöchentlichen G*ttesdienstteilnehmer vor allem so etwas wie soziale Begegnungen, Geselligkeit und Gratisverköstigung mit einem bisschen „Jiddischkeit“ als unaufdringlicher Hintergrundmusik. Das gilt freilich umso mehr für das Publikum, das sich zu den Hohen Feiertagen oder an Simchat-Torah bzw. Purim einfindet.

Man kann es metaphorisch vielleicht am besten so ausdrücken: während ich fortwährend bemüht bin, Raum für ein Konzert zu schaffen, bei welchem möglichst viele Teilnehmer aktiv mitwirken und der Rest zumindest in respektvoller Stille verharrt und der Musik als zentrales Geschehen der Veranstaltung aufmerksam lauscht, betrachten sich die meisten Teilnehmer unserer G*ttesdienste eher als so etwas wie die Gäste in einer Piano-Bar, in der man ausgiebig quatscht, isst und trinkt und die Musik der Stimmung halber aus dem Hintergrund auf sich wirken lässt. Meine Versuche, die G*ttesdienst-Teilnehmer zur Mitwirkung, zumindest aber zu andächtiger Stille zu ermahnen, nehmen sich aus deren Sicht also in etwa so aus, als würde der Betreiber der Piano-Bar oder gar der Pianist selbst seine Gäste fortwährend zum aktiven Musizieren, zumindest aber zu aufmerksamem und stillem Zuhören auffordern. Darauf würde ich als Gast in einer Piano-Bar wohl auch mit eben jenem Unverständnis (Motto: „nebbich –  er kapiert’s einfach nicht“) oder bisweilen auch Unmut (Motto: „von dem Schmock lasse ich mir garantiert nicht den Mund verbieten“) reagieren, die mir in der Synagoge üblicherweise denn auch in solchen Momenten entgegenschwingen.

Immer und immer wieder haben wir uns in den letzten zehn Jahren im Synagogenvorstand gemeinsam mit den verschiedenen Gemeinderabbinern, der Gemeindedirektion oder auch diversen Vorstands- und Gemeinderatsmitgliedern den Kopf darüber zerbrochen, was man wohl alles noch tun könne, um insbesondere zu den hohen Feiertagen für mehr Ruhe und Würde in der Synagoge zu sorgen. Dabei haben wir so gut wie keine Überlegung ausgelassen – sei es die vielzitierte Installation koscherer Mikrofone, bezahlte Saalordner, welche die Betenden zur Ruhe ermahnen sollten, der Einbau von Glastüren zwischen Haupt- und Vorraum oder auch ein Bistrot im Kidduschraum, das die quatschende Menge aus dem Betraum locken sollte.

Nur die eine entscheidende Frage haben wir uns nicht gestellt: warum wollen wir die Gemeinde eigentlich mit technischen, logistischen oder organisatorischen Maßnahmen zu einem Verhalten zwingen, an dem sie in ihrer überwiegenden Mehrheit überhaupt nicht interessiert ist? Denn wäre sie es, dann müsste man ja regelmäßig beobachten können, wie sich eine an Stille und Würde interessierte Mehrheit unter den Gebetsteilnehmern während des G*ttesdienstes gegen die lärmende Minderheit in Form hörbarer Ermahnungen zu Ruhe und Andacht durchzusetzen versucht. Nichts dergleichen wäre mir in den letzten zehn Jahren indessen aufgefallen (naja, bisweilen beobachte ich schon mal den echauffierten Versuch von Seiten eines der renitentesten Dauerstörer, die versammelten Synagogenbesucher zur Ruhe zu ermahnen, weil der Kantor gerade eines seiner Lieblingsstücke darbietet. Das wäre also in etwa so, als würde sich ein besonders geselliger und lautstarker Gast in einer Piano-Bar plötzlich von seinem Platz erheben und die anderen Gäste empört um Ruhe bitten, wo der Pianist doch gerade sein Lieblingsstück zum Besten gibt. Ich nehme an, Ihr werdet mir nachsehen, wenn ich das als Groteske zu den Akten lege und in meiner oben angestellten empirischen Betrachtung nicht weiter berücksichtige).

Kurz: wer an einer Konzertveranstaltung interessiert ist, sollte nicht ein eine Piano-Bar gehen (oder gar eine betreiben) und die Gäste dort zu Ruhe und Aufmerksamkeit zwingen wollen. Sie nehmen nämlich zurecht für sich in Anspruch, in eine Piano-Bar zu gehen, um sich bei unaufdringlicher Hintergrundmusik miteinander unterhalten zu können, zu trinken und ggf. zu essen. Und weil das so ist, habe ich für mich beschlossen, mich ab sofort nach Möglichkeiten umzusehen, wieder echte Konzertveranstaltungen zu besuchen bzw. in Orchestern mitzuwirken, anstatt mich länger an dem absurden Vorhaben aufzureiben, eine Piano-Bar für Konzertveranstaltungen missbrauchen zu wollen und auf die Gäste zu schimpfen, die sich das zurecht verbitten. Sollte mir wider erwarten dann doch mal der Sinn nach einer Piano-Bar stehen, weiß ich natürlich, wo ich hinzugehen habe…

Alles Liebe

Daniel